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  • AutorenbildSchnurps Redaktion

1816 - Das Jahr ohne Sommer



Wegen seltenen und besonders starken Umwelteinflüssen war 1816 ein besonders kaltes Jahr, in dem es auf der Nordhalbkugel keinen wirklichen Sommer gab. Der Hauptgrund für dieses Phänomen war der Ausbruch des Vulkans Tambora im heutigen Indonesien, doch auch andere Umwelteinflüsse trugen zu dieser Katastrophe bei. So befand sich 1816 zum Beispiel am Ende der kleinen Eiszeit, wodurch der Abfall der weltweiten Durchschnittstemperatur in diesem Jahr um etwa 1°C noch schlimmere Folgen hatte, als es zum Beispiel jetzt der Fall wäre.



Zusätzlich zu der kleinen Eiszeit gab es in den Jahren um 1816 nur wenig Sonnenaktivität, da das sogenannte Daltonminimum, das von 1790 bis 1830 anhielt, in diese Zeit fiel. Daraus folgte, dass das Jahrzehnt von 1810 bis 1820 das kälteste der letzten 500 Jahre war. Es ist also klar zu sehen, dass die Umstände schon vor 1816 ungewöhnlich schlecht waren.


Als dann der Tambora am 5. April 1815 und dann fünf Tage später noch einmal viel stärker ausbrach, wurde alles noch schlimmer. Es war nicht der erste Vulkan, der in den acht Jahren vor 1816 ausbrach, doch es war mit Abstand der größte. Es war der stärkste Vulkanausbruch, von dem wir heute wissen, viel größer als zum Beispiel der des Vesuvs 800 v. Chr., der allerdings heute viel bekannter ist. Am 10.04.1815 stieß der Tambora etwa 150 km3 Asche und Gestein in die Luft, alleine der Ausbruch selbst tötete mindestens 71000 Menschen und konnte noch über 2600 km weiter weg gehört werden, wo die Geräusche zunächst für Kanonenschüsse gehalten wurden. Der Ausbruch wird als eine 7 (von möglichen 8) auf dem Vulkanexplosivitätsindex eingestuft.


Diese Masse an Asche war allerdings nicht der Hauptauslöser für die auf den Vulkanausbruch folgende Kälteperiode, die sich stattdessen größtenteils auf die von den unterschiedlichen Vulkanen freigesetzte Menge an Schwefel, die sich über die Atmosphäre über die Nordhalbkugel ausbreitete, zurückführen lässt. Zusätzlich führte diese auch noch zu gesundheitlichen Problemen der betroffenen Menschen. Die so entstandende Kälte konnte noch bis 1819 gespürt werden.


All das führte dazu, dass 1816 den kältesten Sommer in Europa zwischen 1766 und 2000 hatte. Aber die Kälte war nicht die einzige Wetteranomalie in diesem Sommer, es kam auch zu starken Gewittern, die oft tagsüber den Himmel so sehr verdunkelten, dass es wirkte, als sei die Sonne gar nicht aufgegangen. Durch diese Stürme und uncharakteristisch große Mengen an Schnee und Eis kam es, besonders in Westeuropa, auch noch zu katastrophalen Überschwemmungen. Auch in Nordamerika und Asien kam es im Sommer wiederholt zu Frost und Schnee, wobei letzterer oft durch die vulkanische Verschmutzung der Atmosphäre in unterschiedlichen Rot-, Gelb- und Brauntönen verfärbt wurde.


Außerdem beeinflusste die Kälte unterschiedliche global einflussreiche Winde und Strömungen, darunter auch den Monsun, was besonders schlimme Folgen für Asien hatte, wo es zu übermäßigen Fluten und, besonders in Indien, auch zu starken Dürren kam. Sogar das tropische Klima war von den Ereignissen des Vulkanausbruchs betroffen, da es selbst dort besagten verfärbten Schnee gab.


Auf der Nordhalbkugel am wenigsten betroffen war Osteuropa, welches vom Kontinentalklima geprägt ist, sodass die Meereswinde dort kaum ankamen. Dadurch war die Luftverschmutzung durch vulkanische Asche und besonders Schwefel dort nicht so stark wie im Westen oder auf den anderen nördlichen Kontinenten. So konnten die Osteuropäer in den darauf folgenden Monaten den stärker betroffenen Gebieten helfen.


Das war nötig, da es durch die extremen Wetterbedingungen zu Missernten in allen betroffenen Gebieten führte. Der Getreidepreis stieg 1817 teilweise um das Vierfache, sodass besonders die ärmere Bevölkerung von starken Hungersnöten geplagt wurde, die in den schlechter mit dem Rest der Welt verbundenen ländlichen Gegenden besonders schlimm waren. Der Nahrungsmangel war in der Schweiz besonders groß, dort mussten sich die Menschen teilweise von Gras und Blättern ernähren, weil der Frost die Ernte abgetötet hatte.


Durch die Mangelernährung und das Zusammenkommen in überfüllten Suppenküchen, wo sich die Menschen um nährstoffarme, aber füllende Suppen streiten mussten, konnten sich auch Krankheiten, wie zum Beispiel Cholera besonders schnell verbreiten. Die ohnehin schon vom Hunger geschwächten armen Menschen waren, wie immer bei derartigen Katastrophen, auch davon besonders stark betroffen.


Besonders in Europa waren die Zustände auch vor 1816 schon schlimm, da zur selben Zeit das Ende der napoleonischen Kriege war, die bereits für Angst und Chaos unter den Menschen sorgten. Vielleicht wären die Auswirkungen des Vulkanausbruchs in einer stabileren politischen Situation nicht ganz so schlimm gewesen, doch so starben durch den Ausbruch und die daraus folgenden Hungersnöte und Krankheiten insgesamt etwa 200000 Menschen.


Durch die zunehmende Unzufriedenheit und Unsicherheit in der Bevölkerung, die den Grund für das Ausbleiben des Sommers nicht kannten und außerdem dachten, es gäbe mehr Nahrung, die von ihnen versteckt wurde, kam es vermehrt zu Aufständen. Der Revolutionsgeist, der zuvor hauptsächlich wegen einer anderen Hungersnot in Frankreich geweckt worden war, breitete sich in Europa weiter aus. Die Unruhen wurden schnell gewaltsam, als der Hunger in der Bevölkerung zunahm.


Gleichzeitig wurden viele Menschen religiöser, teilweise wurde der Bevölkerung sogar von Regierungen befohlen, für die Rückkehr des normalen Wetters zu beten. Viele glaubten, das Ausbleiben des Sommers und die vielen Stürme seien ein Vorzeichen für das nahende Ende der Welt, wobei sie sich teilweise auf einzelne Stellen in der Bibel, die sie so interpretierten, dass sie zur aktuellen Situation passten, und teilweise einfach darauf, wie schlimm alles zu diesem Zeitpunkt war, bezogen.


Anderen Menschen reichte es nicht, für eine bessere Zukunft zu beten, sie beschlossen stattdessen, vor dem schlechten Wetter, aber teilweise auch aus politischen Gründen, zu fliehen. Dabei bewegten sie sich meistens nach Westen, erst innerhalb von Europa und dann später nach Amerika und von dort aus weiter, bis sie entweder einen Punkt erreichten, an dem sich das Wetter relativ normal verhielt und an dem es wieder Nahrung gab oder bis der Sommer im Jahr darauf zurückkehrte. Dabei sorgten die Flüchtlinge dafür, dass sich die ohnehin schon weit verbreiteten Krankheiten noch weiter ausbreiteten, indem sie diese mit sich brachten und unterwegs unterschiedliche Leute ansteckten.




Aber selbst eine derartige Katastrophe kann auch positive Folgen haben, so sorgte zum Beispiel diese Hungersnot dafür, dass in den Jahren und Jahrzehnten danach die Landwirtschaft besonders stark gefördert wurde, um eine erneute Hungersnot im selben Ausmaß zu vermeiden. Außerdem wurden Straßen und andere Wege ausgebaut, um in zukünftigen Notfällen schneller und effektiver helfen zu können.



Die Ereignisse zwischen 1815 und 1817 hatten auch große kulturelle Einflüsse, besonders auf Literatur und Malerei. Die vulkanischen Partikel in der Atmosphäre verfärbten die Luft, was zu besonders beeindruckenden und bunten Sonnenauf- und -untergängen führte, die viele Künstler entweder malten, wie William Turner, oder in Gedichten beschrieben, wie die Schriftsteller der Biedermeierzeit.


Aber die wohl am direktesten auf das Jahr ohne Sommer zurückzuführenden Werke entstanden im Sommer 1816 in der Villa Diodati am Genfersee, wo Lord Byron, Mary Godwin, Percy Shelley, John Polidori und Claire Clairmont ursprünglich den Sommer damit verbringen wollten, auf dem See zu segeln. Die ständigen Stürme zwangen sie allerdings dazu, die Sommermonate stattdessen damit zu verbringen, sich in der Villa Gruselgeschichten zu erzählen.


So beschlossen sie schließlich, auch ihre eigenen Geschichten zu schreiben und zu sehen, wer darin am besten sei. Claire Clairmont schrieb nichts und Lord Byron und Percy Shelley beendeten ihre Geschichten nicht, doch Mary Godwin, die später Percy Shelley heiratete und ihr Werk erst anonym und dann unter dem Namen Mary Shelley veröffentlichte, schrieb innerhalb von wenigen Tagen Frankenstein (oder: Der moderne Prometheus) und schuf somit die Grundlagen für das Science-Fiction-Genre und eine der besten und einflussreichsten Horrorgeschichten aller Zeiten und John Polidori überarbeitete und beendete Lord Byrons Ansätze einer Geschichte, woraus schließlich Der Vampyr wurde, worin ein Vampir erstmals als intelligentes Wesen dargestellt wurde, das sich unter Menschen versteckt.


Beide Geschichten haben immer noch einen große Einfluss auf Literatur, Theater und Film und Fernsehen, aber hatten zunächst einen schlechten Start. Frankenstein wurde von Kritikern komplett ignoriert, da es von einer Frau geschrieben wurde und Der Vampyr wurde zunächst ohne Polidoris Zustimmung unter Lord Byrons Namen veröffentlicht, obwohl dieser die Geschichte nicht einmal mochte. Andererseits wäre es vermutlich ohne den Namen des zuvor bereits als Dichter bekannten Lord Byron nie erfolgreich gewesen.


Lord Byron selbst gab seine Geschichte, wie bereits erwähnt, schnell auf und widmete sich stattdessen wieder dem Dichten. Im Sommer 1816 schrieb er so zum Beispiel das Gedicht Die Finsternis, in dem er die Ereignisse des Jahres verarbeitet. Er beschreibt darin den Weltuntergang und lässt sich eindeutig von seiner Umgebung inspirieren. So schreibt er über einen Tag, an dem man Kerzen anzünden müsse, als ob es Nacht sei, da die Sonne nicht aufgegangen sei. Es ist nachgewiesen, dass es zu dieser Zeit am Genfersee wirklich Tage gab, an denen die Gewitter so stark waren, dass es nicht hell wurde.


In der Kunst ist der Einfluss der Wetteranomalien von 1816 klar zu erkennen, doch in anderen Gebieten ist er etwas umstrittener. So ist zum Beispiel unklar, ob Napoleon in Waterloo nicht vielleicht gewonnen hätte, wenn ihn das ungewöhnlich stürmische Wetter nicht aufgehalten hätte, sodass ein Großteil seiner Truppen zu spät zur Schlacht erschienen. Ähnlich umstritten ist, ob sich die Erfindung der Draisine, ein 1817 entwickelter Vorgänger des Fahrrads, der noch keine Pedale hatte, darauf zurückführen lässt, dass zuvor in ganz Europa viele Pferde verhungerten und die Menschen eine neue Transportform brauchten.


So oder so ist klar, dass der Ausbruch des Tambora im April 1815 und die darauf folgenden Wetteranomalien großen Einfluss nicht nur auf die damals lebenden Menschen, sondern auch auf den Lauf der Geschichte seitdem hatten.



von Lucie Brennberger, MSS 12


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