• Schnurps Redaktion

On The Road #1 - Endlosstory Teil 7


…Ich bedanke mich, steige in das Auto der vier-köpfigen Familie ein und weiß aus lauter Reizüberflutung gar nicht, wo ich hinschauen soll. Das gesamte Auto ist voll und ich kann mich gerade so auf den mittleren Sitz hinten reinquetschen. Links neben mir das kleinste der beiden Kinder, noch in einem Baby-Kindersitz. Es ist noch moppelig mit viel Babyspeck, so alt kann es also noch nicht sein. Ich habe noch nie zuvor einen Menschen mit so blondem Haar gesehen, dass es aufgrund der Helligkeit wirklich eher weiß als blond erscheint. Und dazu noch diese wunderschönen zartbitterfarbenen Augen… So hübsch, dass es fast unheimlich ist. Der Junge zu meiner Rechten ist der völlige Kontrast zu dem hübschen Mädchen. Er ist groß, schlaksig, mit schwarzen Haaren und einer atemberaubenden ozeanblauen Iris. Wow! Diese Kinder sind zu schön, um wahr zu sein! Aber eins muss ich ja sagen: Dunkelhaarige mit hellen Augen und Blonde mit stockfinsteren Augenfarben fand ich schon immer unheimlich.


„Louis, willst du dich nicht mal vorstellen“, meckert die Mutter ihren Sohn an.


„Oh Moooooom. Das hast du doch schon gerade gemacht. Du bist soooo peinlich. Kannst du nicht einfach mal bitte damit aufhören, mich immer vor allen Leuten blamieren zu müssen? Wie oft soll ich das denn noch sagen? Es nervt wirklich so langsam!“


Die Mutter stellt sich sehr freundlich vor: „Darf ich vorstellen? Ich bin Mia, Mia Fink. Das (sie zeigt auf den Fahrer) ist mein Ehemann Phil.“ Er unterbricht sie, hebt die rechte Hand hoch, guckt winkend in den Rückspiegel und sagt: „Hi.“ Sie fährt fort: „Die kleine rechts neben dir ist unser bestes Stück. Das süßeste Kind, das man nur haben kann. Sie ist 2 Jahre alt und ist unsere kleine Johanna. Und den Miesepeter neben dir… naja, den hätten wir wirklich besser Peter genannt.“ Gut, dass sie doch nicht so perfekt sind wie sie nach außen hin erscheinen, dachte ich mir. „Er heißt jedoch Louis und ist in der Trotzphase wie jeder andere 12-jährige auch. Es ist echt anstrengend mit ihm, aber das ist auch bald wieder vorbei. Wie heißt du denn eigentlich? Jetzt habe ich schon so viel von uns erzählt und dich haben wir noch gar nicht zu Wort kommen lassen…“


Ich starre sie nur an und bekomme eigentlich gar nichts heraus. Sie hat so abrupt das Thema auf mich gelenkt, dass ich gar nichts anderes sagen kann außer: „Ähhhhhhm…“ Plötzlich starren mich alle an, sogar der Vater wagt einen Blick in den Rückspiegel. Die Einzige, die die Situation natürlich noch nicht versteht, ist die kleine Johanna. Sie ist weiterhin von ihrer Rassel begeistert, als wäre alles unverändert. Was soll ich bloß sagen? Soll ich ihnen die Wahrheit erzählen? Oder vielleicht besser nur einen Teil, damit sie nicht zu viel über mich wissen, irgendeinen Namen ausdenken? Die werden schon keinen aus meiner Familie kennen. Oder am besten gar nichts sagen, damit mir erst recht kein Fehler unterläuft? Och Mann… Ich weiß echt nicht, was ich tun soll. Ich weiß nur eins: Ich muss mich schnell für eine vernünftige Lösung entscheiden, sonst mache ich einen komischen Eindruck.

In der Zeit, in der ich überlege, will Mia wieder etwas von mir wissen: „Fehlt dir oder brauchst du irgendetwas? Du kannst gerne mit uns reden. Wir tun dir nichts. Oder, Phil?“


Er antwortet wie aus einer Pistole geschossen: „Natürlich tun wir dir nichts. Du bist zwar die erste Fremde, die wir mitnehmen, aber wir möchten dir doch helfen. Sonst hätten wir dich nicht ins Auto einsteigen lassen.“


Mia geht erneut auf mich ein: „Warum bist du eigentlich so alleine unterwegs als ein so junges Mädchen wie du?“


Soll ich es ihnen wirklich sagen? Wenn doch bloß meine Eltern hier wären… Die helfen mir doch immer. Ich habe mich noch nie so allein gefühlt wie seit dem Krankenhausaufenthat! Ich weiß wirklich nicht mehr weiter. Papa, Mama, wo seid ihr?


Ohne es zu bemerken, sind meine Tränen schon am Kinn angekommen. Erst durch mein Schluchzen drehen sich wieder alle um, diesmal sogar auch die Kleinste. Wieso tust du das bloß? Reiß dich jetzt am Riemen, Lena-Marie Schmitz!


Zum ersten Mal spricht Louis mich direkt an: „Warum bist du so…So…So dumm und nervig? Und warum um alles in der Welt heulst du sofort los, wie so ein kleines Kind? Es ist doch nichts passiert! Meine Mutter will dich doch nur kennenlernen. Du kannst froh sein, dass wir dich überhaupt mitgenommen haben. Du bist völlig fremd für uns, wir haben dich trotzdem herzlich aufgenommen und du stellst dich uns nicht einmal vor. Was ist denn falsch bei dir?“


Plötzlich wird mein heulen noch schlimmer, bis der Vater abrupt auf einen Rastplatz der Autobahn fährt, mit quietschenden Reifen anhält, so, dass wir alle ruckartig mit den Oberkörpern nach vorne mitschwingen. Er schnallt sich ab, steigt aus dem Wagen, dreht sich um und schaut uns böse an. Leider wird mein Schluchzen dadurch nicht weniger.


Mia sofort: „Lass es sein, Phil!“ Als sie seine Bewegungen sieht, springt sie ebenfalls auf. Das passiert so schnell, dass es mir wie in Lichtgeschwindigkeit vorkommt. Dieses Mal schreit sie jede einzelne Silbe. „LASS ES SEIN, PHIL!!!“


Was ist denn hier gerade bitte los?

-Fortsetzung folgt-

von Selina Peesel, MSS 13

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